"Paris, Rainer Maria Rilke und ich" - Die dritte Aufnahme

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Ich öffne das Notebook am nächsten Morgen wieder. Ich sitze in einer "Zelle" des Klosters bei Paris, das mich aufgenommen hat. Ich habe es sogar warm. Das Kloster besteht aus einem großen alten, palastartigen Haus, das inmitten eines Parks gelegen ist. Der Empfang tat mir nach den Aufregungen des Zurechtfindens am Flughafen gut. Ich bekam sogar noch eine warme Suppe. Wie mir der Blick aus dem Fenster kund tut, sieht der Himmel draußen nach gutem Wetter aus. Ich werde jetzt zum Frühstück gehen. Meine Idee für den Beginn meiner Besuche heute ist die Kathedrale von St. Denis. Ihr möchte ich meine Verehrung erweisen. In St. Denis war ich noch nie, auch nicht als Hans. Hans Keydel hat aber im französischen Geschichtsunterricht oft davon gehört, dass St. Denis, der heilige Dionysius, am Ursprung des französischen Königtums steht.
Ich habe das Notebook zum dritten Mal seit meinem Abflug aus Nürnberg geöffnet vor mit stehen. Ich habe es auf einen alten Van-Gogh-Stuhl neben mein Bett gestellt. In gewisser Weise lebe ich in diesen Tagen für es. Das kommt durch die Anordnung im Raum mit dem Stuhl treffend zum Ausdruck.
Ich bin heute morgen also nach St. Denis gefahren. Es gab eine Verspätung des Zuges. Manche Leute, die zur Arbeit wollten, warteten schon 45 Minuten lang. Vom Bahnhof St. Denis zur Kathedrale war es noch einmal ein Fußmarsch von dreißig Minuten. Aber wie sehr hat es sich gelohnt. Die Straßen werden von Schwarzen bevölkert. Weiße Gesichter bilden die Ausnahme. Und es riecht wie auf einem Basar in Marokko! Früher hatte ich Berührungsängste mit den Schwarzen. Jetzt werde ich davon überrascht, dass ich keine Ängste mehr habe. Ich genieße den fremdartigen Anblick und die seltenen Gerüche. Es ist ein herrliches Gefühl, allein auf Abenteuer zu gehen.
Die Basilika im gotischen Stil beeindruckt durch das flutende Licht im Innern. Ich habe die neu renovierten Glasfenster über den vielen Königsgräbern bestaunt. Die Vormittagssonne steht so schön auf den hohen Fenstern. Die eine Reihe zeigt fünf Etappen im Leben des Propheten Ezechiel. Heute Nachmittag möchte ich zum Sacré-Coeur fahren und den Blick über Paris aufnehmen.

 

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