Narziss und Goldmund - Dr. Günter Baumann, Wege zum Selbst. Hermann Hesses Erzählungen im Lichte der Psychologie C.G. Jungs

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Selbstverlag. Zu bestellen beim Verfasser in 72336 Balingen - Frommern, Balinger Straße 19. 

Der Verfasser dieser bemerkenswerten Arbeit beleuchtet das erzählerische Werk unter den Aspekten, die Carl Gustav Jung in seiner Tiefenpsychologie entwickelt hat. Es handelt sich um die Begriffe Anima und Animus, Begegnung mit dem Schatten, Archetyp und Selbst. Jung geht davon aus, dass der Mensch durch schlimme Erlebnisse, in der Kindheit oder auch später in der Adoleszenz, aus dem Stadium der Unschuld herausgeworfen wird und dann danach strebt, den Zwiespalt zu überwinden und von neuem Eingang ins Paradies zu finden. Es handelt sich um den Individuationsprozess, durch welchen die Seele des Menschen ausdifferenziert wird. Hesse hat bei Jung Therapie gemacht und er kannte seine wichtigsten Veröffentlichungen. Vom "Demian" an ist der Einfluss der Psychologie von Jung auf die Erzählungen von Hesse nachweisbar.

"Narziß und Goldmund" nimmt die Darstellungen der unglücklichen Zerrissenheit des Menschen zwischen Geist und Sinnlichkeit, Vernunft und Gefühl, Vergänglichkeit und Ewigkeit auf, die man aus "Siddhartha", "Klingsor" und aus dem "Steppenwolf" kennt, und vertieft sie. Goldmund ist weder als Künstler, noch als Fahrender wirklich glücklich. Als Vagant sehnt er sich nach dem Künstlertum, weil es Dauer verspricht. Als Künstler hat er Angst vor der Erstarrung als Folge der Isolierung vom Leben. In Hesses Worten:
"Es war ja schmerzlich, wie man vom Leben genarrt wurde, es war zum Lachen und zum Weinen! Entweder lebte man, ließ seine Sinne spielen. sog sich voll an der Brust der alten Eva-Mutter - dann gab es zwar manche hohe Lust, aber keinen Schutz gegen die Vergänglichkeit ... oder man setzte sich zur Wehr, man sperrte sich in eine Werkstatt ein und suchte dem flüchtigen Leben ein Denkmal zu bauen - dann mußte man auf das Leben verzichten, dann war man bloß noch Werkzeug, dann stand man zwar im Dienst des Unvergänglichen, aber man dorrte dabei ein und verlor die Freiheit, Fülle und Lust des Lebens."

Dr. Baumann fährt fort:
"Aus dieser tief empfundenen Insuffizienz von Leben und Kunst resultiert der Kreislaufcharakter von Goldmunds Existenz: Sein Individuationsweg läuft am Ende notwendigerweise hinaus auf ein endloses Transzendieren vom Leben in der Kunst und von dort wieder zurück ins Leben. Keiner der beiden Bereiche vermag ihn zu halten, keiner voll zu befriedigen. Das Vagantentum im Zeichen der Anima und das Künstlertum als Realisierung des Selbst sind nur Pole, zwischen denen sein Leben in ewiger Unerfülltheit hin und her pulsiert." (S.275)

Man wird dieser Deutung sicher die Läuterung zur Seite stellen, die Goldmund durch seine Arbeit als Bildhauer und unter Anleitung von Narziß in den letzten Lebensjahren erreicht.

 

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